Die Künstlerin Barbara Wrede, Berlin, veröffentlicht in ihrem Blog Szenen aus dem Alltag, Notizen zu Kunst und zu Ausstellungen und gibt einen Einblick in ihr Atelier und darin entstehende Arbeitsserien. Oder in andere Geschehnisse. Manchmal in Worten, manchmal als Skizze, Cartoon, Zeichnung oder Foto oder Vignette. Je nachdem. Um die Abbildungen genauer zu betrachten bzw. zu vergrößern, reicht ein Klick mit der Maus in die Bilder. Für den Inhalt externer links ist Barbara Wrede nicht verantwortlich. Alle Fotos (wenn nicht anders angegeben) ©Barbara Wrede und VG Bildkunst, Bonn.

Dienstag, 13. November 2012

Die Chakren der Anderen – eine Ode an die KM-Straße

Kürzlich erzählte mir D., dass sie beim Einkaufen von einer kleinen Frau angesprochen worden war. Dass die Frau klein war, ist in diesem Fall wichtig, weil sie mit linkischem Ausdruck von unten nach oben in das Gesicht von D. starrte. 
D. hatte drei schwere Einkaufstaschen um den Hals hängen und trug zwei Beutel mit Wasserflaschen in den Händen. Es war einer dieser Scheißtage für sie gewesen. Sie hatte keine Kraft mehr. Deswegen verharrte sie schon bevor die Frau sie ansprach, in einer Art Zwangspause, um den anstehenden Nachhauseweg zu schaffen.
 

Wenn alle so blockierte Chakren hätten wie D., dann würde die Welt zugrunde gehen, nur noch Krankheit, Elend, Leid und Not. Die größte Blockade saß bei D. im Nacken, sagte die Frau. Ob D. nicht einfach zu ihr in eine Sitzung kommen möchte. Gerne auch gleich, dahinten in der Hasenheide ist immer eine Bank frei, fügte sie hinzu. 
Es begann zu regnen. 
D. hätte ihr am liebsten die Einkäufe um die Ohren gehauen, aber sie konnte gerade nicht.  

Welche Lehre kann aus dieser Begebenheit gezogen werden?
Wenn man mental nicht gerade auf der Höhe ist, sollte man sich nicht zusätzlich behängen. 

Aggressionen wird man so schon gar nicht los.
Früher ging ich  – um Aggressionen abzubauen – zum Rempeln einfach mal am Kotti entlang oder zu Karstadt. Mittlerweile hab ich die Route geändert, bei Karstadt ist es nicht mehr so voll und in den Zeiten der Verhippung sind am Kotti kaum noch Rempler unterwegs.
 

Auf der Kö von Neukölln, der KM-Straße, ist das manchmal anders. Hier gibt es viele Geschäfte, die preiswert Sachen anbieten und in denen das Leben tobt. In einem solchem war ich vor einigen Tagen und konnte vor lauter Menschen kaum die Dinge betrachten, die in den Auslagen angeboten wurden. Die meisten Menschen waren hier wie ich mit nach unten gezogenen Mundwinkeln und aggressivem Blick unterwegs.
 

In einem Gang zwischen zwei Kleiderstangen besah eine Frau mit großem Rucksack die Klamotten. Es dauerte ewig bis sie von einem zum anderen Kleidungsstück gelangte. 
Ich wartete eine Weile. Und noch eine. Warum glotzte die da so lange? Bestimmt schnappte die mir das beste Teil vor der Nase weg. Das konnte ich jetzt gerade gebrauchen.
Sie bewegte sich nicht von der Stelle. 

Schließlich quetschte ich mich an ihr vorbei und hörte ein Grummelgeräusch.
Irgendwo muss ich ja durch, keifte ich sie im Vorübergehen an.
Die Frau sagte: Ja, sicher und dass das doch kein Problem war und trat einen Schritt beiseite. 

Sie sagte das ganz freundlich. Blut schoss mir in den Kopf.
Oh, haben Sie gar nicht unflätig gegrummelt?, stotterte ich.
Nein, sagte die Frau.
Dann habe ich mir das wohl nur eingebildet, sagte ich.
Heute ist ein richtiger Misttag, erklärte ich mich. 

Ja, sagte die Frau, da fehlt es dann gerade noch, wenn einem der Weg versperrt wird.


Dann hat sie das doch mit Absicht gemacht, ich sehe das in ihren Augen. Sie lügt mich an. Und grinst sich einen dabei, sie war vor mir unhöflich und hat mir den Weg versperrt, das hatte die mit Absicht getan und den Rucksack so getragen, dass ich gar nicht vorbeikonnte, ohne etwas zu sagen, dabei hatte die schon die ganze Zeit gesehen, dass ich wartete und auch mal gucken wollte, zumindest vorbei wollte ich und zwar genau dort an der Stelle, an der sie stand, nein, ich wollte nicht um die Kleiderstangen herum gehen und von der anderen Seite kommend womöglich mit ihr zusammenstossen. Sie hat mich zu einer Erklärung genötigt und will jetzt wohl, dass ich mich entschuldige, phh, da hat sie sich aber geschnitten, was grinst die so, kann die nicht woanders hingucken, nein, ich entschuldige mich nicht, die dumme Nuss, sie war vor mir unhöflich und jetzt bin ich auch noch rot und sehe noch schlimmer aus, als ich mich fühle, was ist das bloß für ein Kacktag, wäre ich doch zu Hause geblieben, am besten gar nicht mehr raus aus der Wohnung, im Bett bleiben, nun steh ich hier dumm rum und die Nuss tut so, als hätte sie gar nichts gemacht und ich bin noch röter geworden... eigentlich stehen wir beide hier ganz schön dumm rum,...
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Bevor mich eine Rolltreppe in die nächste Ebene transportierte, tauschten wir noch einige Tipps zum Erwerb günstiger Waren aus.

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