Die Künstlerin Barbara Wrede, Berlin, veröffentlicht in ihrem Blog Szenen aus dem Alltag, Notizen zu Kunst und zu Ausstellungen und gibt einen Einblick in ihr Atelier und darin entstehende Arbeitsserien. Oder in andere Geschehnisse. Manchmal in Worten, manchmal als Skizze, Cartoon, Zeichnung oder Foto oder Vignette. Je nachdem. Um die Abbildungen genauer zu betrachten bzw. zu vergrößern, reicht ein Klick mit der Maus in die Bilder. Für den Inhalt externer links ist Barbara Wrede nicht verantwortlich. Alle Fotos (wenn nicht anders angegeben) ©Barbara Wrede und VG Bildkunst, Bonn.

Samstag, 14. Mai 2011

Vermittlung – Drei Herren, eine Tasche und ich

Etwas leuchtete im Rinnstein. Funkelte aus dem Dreck der Straße vor dem Nachbarhaus heraus. Eine knallrote Damenumhängetasche lag da. Ein durchnässtes Bärchenaccessoire war an einem Bändchen an den Zipp vom Reißverschluss geknotet.
Ich sah mich um und prüfte, ob die Besitzerin just mal um die Ecke gebogen war. "Hallo, hallo, hat hier eine ihre Tasche verloren?", rief ich über die Straße. Keine Antwort. Ich beugte mich gerade nach unten, als ein angeschrammelter Wagen der Telekom vor mir einparkte. Im Wagen saßen drei Herren. Nummer eins kurbelte das Fenster runter und fragte, ob ich mich um die Tasche kümmern würde. Ich legte die Tasche auf das Fensterbrett der Schuhmacherei und schwieg. "Gucken Sie doch mal rein", empfahl er.
Von der Seitenstraße her kam ein kleiner Mann in Jeans und Musterhemd auf mich zu. Er schob eine Sackkarre mit einem Kissen drauf. Das Kissen fiel herunter, als er den Bordstein hoch wollte. "Ach, Scheiße", jammerte er, packte das Kissen wieder auf die Karre und ab.
"Gucken Sie doch mal rein", wiederholte Nummer eins, deutete mit dem Zeigefinger auf die Tasche und Mann Nummer zwei beugte sich aus der Mitte nach vorn und guckte so halb aus dem Fenster raus.
Ich zog den Reißverschluss der Tasche auf. Eine Tageszeitung, Portemonnaie, weiter unten ein Timer, Plastikkarten und eine Adresse ohne Namen aber mit Festnetznummer. Ich blätterte im Timer. Keine Einträge. Die Zeitung war von heute. Überschrift: "Big Brother Star beißt acht Menschen ins Ohr", daneben ein Bild einer Blondine im Bikini. Sonne wäre schön, aber es war grau. Graupelschauer setzte ein.
"Und, haben Sie was gefunden?", wollte Nummer eins wissen. Was sollte ich denn finden? Ich antwortete, dass hier eine Telefonnummer stehen würde, ich aber kein Handy dabei hätte, ging dann zum linken Fenster des Wagens und fragte, ob die Männer mich mal telefonieren ließen. "Klar, wir sind doch von der Telekom", grölten die drei gleichzeitig und kicherten albern.
Im Winter kann ich das Programm der Fernsehzeitung auswendig, dachte ich und betrachtete die drei genauer. Nummer eins sagte, "mir haben sie mein Auto weggenommen, das war das einzige, was ich an Freiheit noch hatte, bevor ich auf Hartz IV gerutscht bin." Mann Nummer zwei schluckte bei dem Wort Freiheit. "Was, du hattest ein Auto", flüsterte er. Der Fahrer, hier die Nummer drei, drückte seine Arme am Steuer durch und presste sich in den Sitz. "Wenn ich etwas kann, dann Ideen ausbrüten und sie wie Pfeile auf meine Gegenüber schießen", sagte er und erzählte, er hätte den Wagen bei der Telekom ersteigert und dass ihn das 50 Euro gekostet hätte, ausrangiert, sogar der Schriftzug war noch drauf, betonte er stolz und wollte wissen, ob bei der Adresse in der Tasche auch das Alter der Dame stehen würde. "Vielleicht können wir der Dame ja die Tasche vorbeibringen", überlegte er noch.
Nummer eins tippte die Nummer in sein Handy. "Bestimmt ist ihr die Tasche vom Fahrrad gefallen", mutmaßte Nummer zwei. "Oder nächtliche Flucht, bloß nicht umdrehen, schnell weg hier", murmelte ich. "Genau", sagte Nummer eins und seine Augen glänzten. Ob dieses Trio eine vom Arbeitsamt arrangierte Zwangsgemeinschaft war? Freiwillige? Vielleicht Menschenjäger, solche, die die Stadt nach Spuren der Nacht abgrasen - gepaart mit einer neuartigen Form der eigennützlichen Kontaktanbahnung? Keine schlechte Idee. Muss sich ja nicht alles immer um Geld drehen.
Nummer eins bemerkte: "Keiner da, auch kein Anrufbeantworter." - "Anrufbeantworter, was für ein blödes Wort", meckerte Nummer zwei, "die antworten ja gar nicht, manchmal schneiden sie einem mittendrin den Satz ab. Diese Kisten sorgen nur für Missverständnisse, besser ist es sowieso, wenn man einfach hinfährt und alles direkt klärt. Dann weiß man auch ganz schnell, woran man ist. Immer dieses Gequatsche auf Maschinen, kann ich nicht gar nicht gut aushalten ..." Fasse dich kurz, würde meine Tante Erika ihm erwidern, aber die war nicht hier.
Eine Frau mit Hund lief an uns vorbei. Sie guckte mich an, wie ich so an der Tür des Transporters lehnte, sang in Richtung des Hundes "Ach wie schön, jetzt graupelt's wieder", drehte sich mit den Worten: "Ich verblöde total" wieder zu mir und ging. Ich stieg in den Wagen. Seitdem ist alles anders.

Berliner Zeitung, Feuilleton, Unterm Strich vom 11. Mai 2011

Kommentare:

Silke - die Coachfrau hat gesagt…

Barbara, Du schreibst einfach toll. Dieser so lakonisch geschilderte Moment hat einen solch' atmosphärischen Sog und Witz, dass ich mich vom ersten Satz an kopfüber in diesen subversiven Augenblick hinein begab.
Schreibe mehr!

olompia • Barbara Wrede hat gesagt…

Silke, ich bin gerührt: Du verstehst es immer wieder, mich zu motivieren!!! Vielen Dank für Deinen schönen Kommentar samt Kompliment – ich bleibe dran, ganz bestimmt, bald mehr.

Silke - die Coachfrau hat gesagt…

Ein höchst magnetischer, subversiver Moment, der mich als Leserin vom ersten Satz an in einen Sog zog - wunderbar lakonisch! Ein sehr schöner Text. Schreib' mehr!

olompia • Barbara Wrede hat gesagt…

Da werde ich ja ganz rot, vielen Dank für diesen schönen Motivationskommentar! Versprochen: ich bleibe dran!

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