Die Künstlerin Barbara Wrede, Berlin, veröffentlicht in ihrem Blog Szenen aus dem Alltag, Notizen zu Kunst und zu Ausstellungen und gibt einen Einblick in ihr Atelier und darin entstehende Arbeitsserien. Oder in andere Geschehnisse. Manchmal in Worten, manchmal als Skizze, Cartoon, Zeichnung oder Foto oder Vignette. Je nachdem. Um die Abbildungen genauer zu betrachten bzw. zu vergrößern, reicht ein Klick mit der Maus in die Bilder. Für den Inhalt externer links ist Barbara Wrede nicht verantwortlich. Alle Fotos (wenn nicht anders angegeben) ©Barbara Wrede und VG Bildkunst, Bonn.

Mittwoch, 13. Oktober 2010

Die Wirklichkeit kommt

Heute im Feuilleton der Berliner Zeitung/Unterm Strich dieser Text samt Zeichnung von mir.




Restbier
Die Wirklichkeit klingelt an der Tür


 



In den Ferien bietet die Bibliothek eine besonders große Auswahl an Medien zum Ausleihen an. Auch kleine Wunder, auf die man sonst in der Regel wegen einer Reihe an Vormerkungen lange warten muss. Und schon immer nahm ich lieber das, was da war, als etwas, auf das zu warten war und geordert werden musste. Ganz oben in einem Stapel fand ich die DVD „die geheimnisvolle Minusch“. Der Film erinnerte mich an meine Kindheit und das gleichnamige Buch, das im Alter zwischen neun und zehn Jahren eines meiner Lieblingsbücher gewesen war. Wie oft ich es gelesen habe, weiß ich nicht mehr. Nicht einmal meine große Schwester, die über das Gedächtnis eines Elefantens verfügt, hat eine Ahnung. Die weiß nur, dass ich das Buch so oft auf den Knien hatte, dass sie es als Wiederholungstat abspeicherte, um sich später für alles, was ich ihr durch kleinschwesterliche Untaten zufügte, zu rächen. Und später war bald.
Als ich anfing, meine lackierte Kieselstein-und Froschsammlung zu vernachlässigen, um mein Augenmerk auf Jungen zu lenken, berichtete sie allen, auch denen, die es gar nicht hören wollten oder sollten, davon, wie vergesslich und wirr ich sei. Haha, die liest Bücher so oft, dass sie denkt, sie spielt da mit und: sie ist total kurzsichtig. Häufig wisse sie nicht einmal, wen sie vor sich hätte, wenn ich nicht für Klarheit sorgen würde, frotzelte sie und säuselte mir Namen wie Schall und Rauch ins Ohr. Je später der Abend, desto falscher waren sie.
Meine Brille trug ich aus Gründen des malerischen ersten Eindrucks nicht und über das
worüber manch einer sich damals lustig machte, bin ich noch heute froh, ist es doch nur eine meiner vielen Möglichkeiten gewesen, mir einen ganz eigenen Weg in die Wirklichkeit zu bahnen, der im künstlerischen Leben und Schaffen eine nicht unwesentliche Rolle inne hat.
Doch zurück zum Film.
„Die geheimnisvolle Minusch“ von Annie M.G. Schmidt spielt in Killstadt, einem Örtchen, das vielleicht irgendwo in Holland liegt. Minusch ist eine Katze, die sich durch das Aufschlecken von Hormonen aus einem weggeworfenen Giftfass der Deofabrik in einen Menschen verwandelt. Sie spricht nach der Mutation zwar menschisch, behält aber in ihrer neuen Gestalt all ihre katzigen Eigenschaften und kann weiterhin mit den Katzen des Ortes kommunizieren. So legt Minusch den Grundstein für eine Nachrichtenagentur der besonderen Art, die ihrem neuen Arbeitgeber, Lokalredakteur Tibbe, den Job rettet. Tibbe avanciert zum Starreporter des Killstädter Kuriers, später heiraten er und die Katzenfrau, die aus Liebe zu ihm keine Katze mehr sein will. Dies nur nebenbei. Den Film guckte ich auf meinem Rechner am Schreibtisch, dabei trank ich das Restbier von vor zwei Tagen aus.
Es klingelte. Wer issn da?
Helmut Kohl in jünger stand vor mir und das Treppenhaus sah aus, wie die Gasse, in der der Bösewicht des Filmes die Katze des Pastors, die gleichzeitig Freundin von Minusch war, mit einem Fußtritt aus dem Weg befördert hatte. Kohl zielte mit einem Kleinkalibergewehr auf mich. Er traf den Türrahmen. Obwohl mir durch Abmessung in Gedanken klar war, ich würde niemals zwischen Kohl und Wand hindurch passen, versuchte ich einen Stufensprung. Ellenbogen ausfahren. Kohl schoss von neuem. Daneben. Fünf Stufen auf einmal nehmen. Ging doch. Fast unversehrt, nur Hand geschrammt. Blick zurück. Helmut Kohl legte wieder an. Traf nicht und hüpfte aus dem Fenster. Ich hoch, Tür zu, hinsetzen.
Es klingelte abermals. Vor einiger Zeit hatte ich einen Krimi gelesen, an den ich mich jetzt erinnerte. Deshalb lugte ich nun durch meinen Türspion, bevor ich noch einmal unbefangen die Tür aufriss. Im Krimi ging es um einen Mörder, der sich als Postbote ausgab, den, der ihm Einlass gewährte, betäubte und ihn an einen geheimen Ort verschleppte. Dort zapfte der falsche Postbote dem Opfer Blut ab und malte Bilder damit. Das sollte mir nicht passieren, schließlich bin ich selbst Künstlerin und mache meine eigenen Bilder.
Zwei halbwüchsige Mädchen standen vor meiner Tür, blutrote Lippen.
Was war das auf ihren Mündern? Die Mädchen kicherten. Holten irgendetwas aus ihren Taschen. Ich sah etwas aufblitzen. Sie drückten noch einmal auf den Klingelknopf. Eine hielt ihr Auge direkt an den Spion. Ich machte die Tür auf. Rums. Haste mal nen Euro?


In der in der Berliner Zeitung veröffentlichen Version ist leider ein „nicht“ auf der Strecke geblieben, denn natürlich trug ich meine Brille wegen des ersten malerischen Eindrucks nicht, aber hier im olompia.blog steht es wieder an der richtigen Stelle.

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