Die Künstlerin Barbara Wrede, Berlin, veröffentlicht in ihrem Blog Szenen aus dem Alltag, Notizen zu Kunst und zu Ausstellungen und gibt einen Einblick in ihr Atelier und darin entstehende Arbeitsserien. Oder in andere Geschehnisse. Manchmal in Worten, manchmal als Skizze, Cartoon, Zeichnung oder Foto oder Vignette. Je nachdem. Um die Abbildungen genauer zu betrachten bzw. zu vergrößern, reicht ein Klick mit der Maus in die Bilder. Für den Inhalt externer links ist Barbara Wrede nicht verantwortlich. Alle Fotos (wenn nicht anders angegeben) ©Barbara Wrede und VG Bildkunst, Bonn.

Donnerstag, 25. Juli 2013

Ein Sommertag mit Schischaraupe

Es ist überall heiß, versuche ich mich zu trösten. Sitze vor dem alten iMac-Laptop, so einem, der aussieht wie ein Klodeckel (blau). Ich könnte endlich einige Fotos scannen. Ach nö, keine Lust. Ich stehe auf und trinke was. Dann wühle ich ein wenig auf dem Tisch herum. Schiebe Blätter mit Zeichnungen unter den Tisch. Aufräumen müsste ich, morgen kommen Gäste. Ich muss aufräumen. Ich trinke noch was.

Apeiron ist ein Spiel, in dem man Würmer abschiessen und aufpassen muss, dass man nicht von ihnen oder einem roten Monsterkrebs gefressen oder von rülpsenden Pilzen erschlagen wird.
Apeiron ist toll. Es macht den Kopf frei.
Auf dem alten Laptop hier im Atelier ist Apeiron installiert. Auf meinem Rechner zu Hause läuft es nicht. Und ich will es auch nicht.

Vor 12 Jahren spielte ich es sehr oft, manchmal spielte M. mit. Wir spielten auch am 11.9.2001, zur Schockverdauung, daran erinnere ich mich genau.
Zeitweise hörte ich die Geräusche des Computerspiels überall, egal wo.
Kopf ganz frei. Nur Apeiron drin.

Damals lief das Spiel noch auf dem alten iMac, den ich von meiner Mutter geerbt hatte. An der Kiste konnte das Spiel über die Maus bedient werden. Das Klodeckellaptop bekam ich 2004 von meiner Schwester, ich habe darauf nur sehr wenig Apeiron gespielt, weil es über das Pad aktiviert wird (Achtung: Vorvorvorläufer vom heutigen wischiwischi und nicht zu vergleichen) und so schwerer zu spielen ist.

Trotzdem habe ich das Spiel nicht weggeschmissen. Für schlechte Zeiten. Die sind jetzt.
Es ist unerträglich heiß, ich habe keine Ideen und bin noch nicht einmal in Inkubationszeit (aber ab Montag auf Startnext).

Leere. Morgen kommen Gäste. Ich sollte aufräumen. Es ist zu heiß.

Was, wenn trotz erschwerter Bedingungen – mauslose Bedienung – die Versüchtigung wieder zuschlägt?

Ich öffne den Spiele Alias Ordner. Klicke auf Apeiron. Ordner auf.
Ich drücke »Play Apeiron«.

Hintergrundmusik geht los, ich erinnere mich an die Töne, als hätte ich sie gestern erst gehört.
Sonntag war ich wandern, der Geruch von Sommer in den Wäldern, gemähtes Gras.
Im Winter erinnert man sich nicht mehr an den Geruch, erinnert man sich nur an Gerüche, wenn man sie riecht?

Start. Ich habe drei Leben. Die Würmer bewegen sich langsam nach unten auf mich zu. Ich schieße auf Pilze und Würmer. Die Würmer zerklecksen grünfleckig, wenn sie getroffen werden, manche werden Pilze. Ich schwitze. Sogar mein Zeigefinger, mit dem ich die Schießposition bestimme, schwitzt. Ich wische meine Hand an der Hose ab. Und werde von dem roten Monsterkrebs gefressen, der von rechts kommt. Noch zwei Leben. Manchmal kommt das Monster mit Gebrüll von links. Man muss aufpassen. Ich erballere mir den Maschinengewehrschuss. Damit komme ich schneller durch die Level. Grüne Walze von links, wenn ich die treffe, gibt es mindestens 1000 Bonuspunkte und wenn ich dann noch die violette 5, die gerade aufgetaucht ist, abballere, wird der Bonus verfünffacht. Peng. Sterntaler auf dem Bildschirm, die muss ich fangen. Ich brauche das Vorhängeschloss, das sichert den Maschinengewehrschuss, falls das Monster oder ein Wurmkopf mich frisst, für ein weiteres Leben.

Mein Zeigefinger klebt auf dem Pad fest. Verdammt. Schnell an der Hose abwischen, mittlerweile bei Level 11 angelangt, der Hintergrund ändert sich immer nach 11 Leveln, mit jedem Level werden die Würmer schneller. Eine blaue Fratze zieht immer neue Pilzstraßen auf das Spielfeld. Ich brauche die Raute, damit ich durch kann und beim Ballern nicht von Pilzen behindert werde.
Ah, ein Blinkerpilz, den muss ich treffen, 1000de von Bonuspunkten.
Ich erwische die blaue Fratze, die kreischt, Blut spritzt. Die Würmer sind so schnell, dass sie mich totmachen. Mir bleiben zwei Leben und Maschinengewehrfeuer und Raute. Der lila Blinkekreis wär jetzt gut, dann bin ich für einen Moment unsterblich und kann Punkte horten. Den Blinkekreis kriege ich nicht, erwische aber den roten Fadenschwanz, der meine Schüsse schlängeln lässt.

Alle 20.000 Punkte gibt es ein zusätzliches Leben – das ganz schnell wieder weg sein kann.
Ab Level 11 fallen die Pilze rülpsend das Spielfeld runter. Pech, wenn man von einem erschlagen wird. Ich möchte nicht von einem rülpsenden Pilz erschlagen werden.

Ab Level 23 prallen meine Schüsse von den Pilzen ab. Kann tödlich sein.
Peng, Salamander getroffen, der schreit wiehernd. 20 Fratzen fallen runter und zeichnen einen Pilzwald. Mein Zeigefinger klebt am Pad. Mist. Vorhängeschloss weg. Level 24 wiederholen. Mist. Zeigefinger klebt. Maschinengewehr weg. Noch drei Leben. Zwei. Eins. Tot. Mist. Mist. Mist.
Das Fenster mit der Schischa rauchenden grünen Raupe auf einem Pilz erscheint. Die Raupe zeigt ihre Zähne, sie grinst hämisch, weil ich nicht im Highscore gelandet bin.
Die Raupe kann man nicht wegklicken. Ich muss mir ihr dreckiges Grinsen angucken. Wäre ich im Highscore gelandet, würde ein Fenster aufploppen, in das ich meinen Namen eintragen kann. Loser.

Noch einmal probieren? Ich ziehe mir weiße Baumwollhandschuhe an, die meine Gäste morgen zum Blättern durch Zeichnungen benutzen sollen.
Haha, so kann nix kleben. Ausgetrickst!
«Play Apeiron«?
Start. Scheiße. Das geht gar nicht. So schnell war ich noch nie drei Leben los.
Grinseschischaraupe. Blödes Drecksviech. Verpiss dich.
«Play Apeiron«?
Schweiß läuft mir die Stirn herunter
Ich reinige das Pad, wasche die Hände und lege ein Handtuch neben mich auf den Tisch.

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