Die Künstlerin Barbara Wrede, Berlin, veröffentlicht in ihrem Blog Szenen aus dem Alltag, Notizen zu Kunst und zu Ausstellungen und gibt einen Einblick in ihr Atelier und darin entstehende Arbeitsserien. Oder in andere Geschehnisse. Manchmal in Worten, manchmal als Skizze, Cartoon, Zeichnung oder Foto oder Vignette. Je nachdem. Um die Abbildungen genauer zu betrachten bzw. zu vergrößern, reicht ein Klick mit der Maus in die Bilder. Für den Inhalt externer links ist Barbara Wrede nicht verantwortlich. Alle Fotos (wenn nicht anders angegeben) ©Barbara Wrede und VG Bildkunst, Bonn.

Donnerstag, 23. August 2012

dOCUMENTA 13 – ein Rundgang

Worte um die diesjährige Leitung der dOCUMENTA 13 hier an dieser Stelle einmal beiseite lassend – wer ist schon begeistert, über Mehrkunstklassengesellschaft usw....– hier ein ganz kleiner Einblick in meine Kunsthighlights.
Ich begann meinen Besuch am Hauptbahnhof. Beeindruckt hat mich dort die Außeninstallation von Susan Philipsz mit Lautsprechern über den Bahngleisen. Zu hören sind Streicher, die Klänge vermischen sich mit den Alltagsgeräuschen städtischen Lebens und erinnern an die Abtransporte von Juden von hier aus nach Theresienstadt. Es war einer der heißesten Tage in diesem Jahr.
William Kentridge: the refusal of time
William Kentrigde widmet seinen Beitrag der Zeit, seine Multimediainstallation the refusal of time wird in einem rohen Raum im Nordflügel des Bahnhofs gezeigt.
Vor diesem Raum fügt sich die Jalousien-Installation von Haegue Yang so in die ehemalige Lagerhalle, als sei sie schon immer hier gewesen.
In seinem dreiteiligen Video Muster beschäftigt sich Clemens von Wedemeyer – drei Zeitebenen verwebend – mit Szenerien, die im ehemaligen Kloster Breitenau spielen.
Am 15.9.2012 gibt es ab 21 Uhr auf 3Sat die Möglichkeit, die Filmbeiträge von ihm, William Kentrigde und Omar Fast (hat die Hüttennummer 60 in der Karlsaue) in voller Länge zu sehen.

Tacita Dean installierte mit Kreide gezeichnete Ansichten von Bergen und Flüssen in das ehemalige Finanzamt/Spohrstraße. Selbstverständlich und leicht fügen sich die weißen Zeichnungen auf Tafeln mit schwarzem Grund in den Raum.
Tänzer nach Aufführung zu Crazy Frog/Kaskade Kino, Kreidezeichnungen von Tacita Dean, Stills aus Wael Shawkys Puppenfilmen

Tino Seghal hat für den Seitenflügel, den Bode-Saal des Hessenland Hotels eine Artistengruppe engagiert, die im Dunkeln agiert. Ihre Aktion war unmittelbare Erfahrung und rührte mich zu Tränen, ein absolutes highlight. Warum das so war, und was mich so berührte, wollte ich am darauffolgenden Tag herauskriegen – trotz meiner Bedenken, ob das überhaupt ein zweites Mal möglich sein kann. Neugier siegte. Leider. Beim zweiten Besuch war der Raum nicht ganz dunkel und die Akteure waren nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen. Kann sein, dass das der Grund war, warum ich nicht noch einmal in diesen Fluss steigen konnte, sicher aber „funktionierte“ es nicht, weil ich wußte, was mich erwartet. Auf jeden Fall wünsche ich allen, die dieses Kunstwerk noch betreten werden, ein stockdunkles Erleben.
Im Elisabeth Krankenhaus empfehle ich den Film von Rahraw Omarzad, in dem erst gesunde Marschbeine gezeigt werden, anschließend Beinstümpfe und dann perfekte marscherprobte Krücken. Unbedingt sehenswert sind auch die Puppenfilme von Wael Shawky in den unteren Räumen der Neuen Galerie. Leaves of grass heißt die Papierarbeit von Geoffrey Farmer, der 50 Jahrgänge der amerikanischen Zeitschrift life durchforstete, Silhouetten ausschnitt und auf/an Grashalme klebte. Hätte ich mir gerne aus der Nähe angeguckt – die Schlange war zu lang.
Im alten Kaskade Kino wird getanzt. Jérôme Bel’s Disabled Theater besteht aus einer Serie von Einzel-Performances von bis zu drei Minuten durch die Mitglieder des Theater Hora, Zürich, einem professionellen Theaterensemble von Menschen mit Lernbehinderungen. Das Projekt wurde in enger Zusammenarbeit mit dem Ensemble und seinen Mitgliedern realisiert. Der junge Mann, der sich(auf der Leinwand) zu Crazy Frog tanzend verausgabt, sagt abschließend, ihn stört seine Langsamkeit nicht, aber seine Mutter würde es nerven. Und dann fügt er hinzu, dass er ein Chromosom mehr hat, als alle hier im Raum.
Im Fridericianum empfing mich Wind (Installation von Ryan Gander) und ich dachte an das Märchen, in dem der König seine Töchter fragt, wie groß ihre Liebe zu ihm ist. Ich liebe dich mehr als Salz, antwortete die Jüngste. Der Vater verstiess sie und bevor alles wieder gut wurde, war der Weg – wie so oft – sehr quälend. Für alle Beteiligten.

Die Karlsaue durchwanderte ich mehr oder weniger ohne Plan,
wechselte die Uferseiten über den Mangold-Steg von Christian Philipp Müller und stand dann plötzlich an dem Ort auf den ich fast sechs Jahre lang während meines Kunststudiums geblickt habe: Im Innenhof der Kunsthochschule in Kassel.

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