Champagner in durchsichtigen Plastikbechern. Arbeit verkauft. Wir stießen an. Während Herr F. in einem Bilderstapel blätterte, zeigte ich Frau S. Bücher mit Zeichnungen von Hunden unter Fernsehern. Herr F. schenkte nach. Durch die geöffnete Hoftür schien der Mond. Anstatt mich über den Verkauf zu freuen, setzte Lähmung ein. Nie wieder würde ich einen Stift anfassen können. Was sollte nun werden? Sollte ich den Deal nicht lieber rückgängig machen? Was, wenn die Auswahl zu Hause nicht mehr gefiel? Ob die Werke dann umgetauscht werden würden? Oder Geld zurück? Wie sollte ich mit bereits privat benutzter Arbeit verfahren? Ob die auf immer und ewig die Ungeliebte sein würde? Wäre das einem möglichen nächsten Käufer egal? Wanderkunst? Zigarette. Meine Hände zitterten. Bloß nichts anmerken lassen. Luftpolsterfolie. Bilder einpacken. Allerletzter Blick. Sie sind ja ganz betrunken, sagte Herr F. und nahm mir die Klebebandrolle aus der Hand, um selbst die Verpackung der Werke abzuschließen. Verlegenes Kichern. Plötzlich stand sie da. In der Mitte des Türrahmens. Ganz in Weiß.
Für eine mit der Rollkofferseuche hier in den Kiez Eingeschwemmte sah sie zu ursprünglich aus. Die Dame ruckte sich die Tasche über ihrer Schulter zurecht. Stand da und guckte. In einer Hand trug sie eine Plastiktüte. Ich dachte an den Regentag, an dem ich Howard Carpendale an einer Kreuzung am Gendarmenmarkt traf. Er war ganz in Weiß gekleidet, wartete mit mir und zwei Mädchen, die er beschimpfte, weil sie ihm den Regen mit den dargebotenen Schirmen nicht vom Leib hielten, an einer Ampel. Weißer Meckerpunkt an einem grauen Tag.
Guten Abend, sie sei eine echte Rothaarige, sagte die Dame und strich sich durch die lilatonige Pracht. Ich nickte und gab ihr einen Becher. Für mich?, fragte sie ungläubig. Ich nickte wieder. Wir prosteten Frau S. zu. Herr F. hatte sich in die hinterste Atelierecke verkrümelt, hockte vor einem Fach mit Stiften, die er zählte, und er tat so, als wäre er gar nicht da. Die Dame fragte, was wir hier machen würden. Und wie so oft, wenn Besucher meiner Werkstatt das wissen wollen, fiel mir keine Antwort ein.
Sie würde gar nichts hier machen, sondern die, sagte Frau S. und zeigte auf mich. Ich sagte nichts. Die Dame sagte, sie hätte zu Hause auch ein Bild, das könne sie uns ja mal vorbeibringen und dass sie nur zufällig hier gelandet sei, durch die offene Hoftür hier in den Hinterhof, so viele Jahre würde sie nun schon im Kiez wohnen, aber hier – hier war sie noch nie gewesen. Prost! Ich bin Helga. Sie blickte Frau S. und mich neugierig an, erzählte von früher und berichtete der Reihenfolge nach von ihren Verehrern. Es waren viele und manche sind schon tot. Dann stellte sie ihre Plastiktüte auf den Sessel neben der Tür, zog etwas aus der Tüte hervor und zeigte es mir und Frau S.
Für Euch, sagte sie und dass wir uns mal etwas Schönes kochen sollten. Herr F. rief von irgendwo her, wir hätten hier keinen Ofen. Wie konnte er aus der Entfernung sehen, dass es sich um ein indisches Fertiggericht von einem blau-gelben Discounter handelte? Wie schade, sagte Helga, steckte die Packung wieder in die Tüte und legte alles zurück auf den Sessel. Ihr weißes Outfit reflektierte das Neonlicht des Arbeitsraumes, Mondstrahlen von hinterrücks, wie eine Erscheinung stand sie da, gleich neben der Tür, durch die nun auch noch die schwarz-weiße Hofkatze lugte. Vollkommenes Bild. Jeder Imitationsversuch zum Scheitern verdammt. Die Katze verschwand wieder. Alles perfekt, sagte Helga und bog aus einem Biegelineal ein Herz. Ein Liebesgruß, aber für wen der sei, das würde sie uns nicht verraten, gluckste sie und trank einen Schluck. Ihre Augen waren glasig. Vielleicht würde sie noch zum Inder essen gehen, da vorne an der Ecke, sagte sie laut und fragte, ob wir mitkämen. Wir hatten schon etwas anderes vor. Ich goss den Rest in die Becher.
Helga bat mich, sie durch die Hinterhöfe nach vorn zur Straße zu bringen, hatte Angst, sich zu verlaufen. Als wir fast angekommen waren und der Abschied bevorstand, fing sie zu weinen an. Ich bin so einsam, flüsterte sie mir ins Ohr. Und dass sie manchmal nicht wusste, wo die Einsamkeit sitzt und welche schwerer wiegt, die auf der Straße oder die im letzten Hinterhof. Naja, is’ ja auch egal, schloss sie.
Berliner Zeitung, Feuilleton, Unterm Strich vom 23.12.2011.
Berliner Zeitung, Feuilleton, Unterm Strich vom 23.12.2011.

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