Die Künstlerin Barbara Wrede, Berlin, veröffentlicht in ihrem Blog Szenen aus dem Alltag, Notizen zu Kunst und zu Ausstellungen und gibt einen Einblick in ihr Atelier und darin entstehende Arbeitsserien. Oder in andere Geschehnisse. Manchmal in Worten, manchmal als Skizze, Cartoon, Zeichnung oder Foto oder Vignette. Je nachdem. Um die Abbildungen genauer zu betrachten bzw. zu vergrößern, reicht ein Klick mit der Maus in die Bilder. Für den Inhalt externer links ist Barbara Wrede nicht verantwortlich. Alle Fotos (wenn nicht anders angegeben) ©Barbara Wrede und VG Bildkunst, Bonn.

Dienstag, 30. August 2011

Das Ende der Sommerpause


Der Kunstherbst beginnt.
Eine Ermunterung sich nächste Woche in das Vernissagen-und Messegetümmel zu stürzen heute im Feuilleton der Berliner Zeitung unterm Strich.

Übungsobjekte
Ein Paar, er in schwarzem Anzug, sie ganz in Puder mit regenbogenfarbener Glitzerbrosche am Kostümjäckchen, begegnete uns im Treppenhaus. Berit war hochschwanger, trug Karostrümpfe in Cowboystiefeln zu gestreiftem Faltenrock mit gelber Bluse und einen geflochtenen Zopf, der sich wie eine Art Heiligenschein um ihren Kopf legte. Und sie war fest davon überzeugt, Smalltalk könne sogar ich lernen, deshalb hatte sie mich mitgeschleppt. Mein Verhalten sei geschäftsschädigend. Du hast doch sonst auch immer so eine große Klappe. Hier tust du so, als seist du auf den Mund gefallen. Es geht doch um deine Zukunft. Und guck mich jetzt nicht so eingeschnappt an, meckerte sie. Eine Frau, auf dem Arm ein Säugling, ein barfüßiges Mädchen an der Hand; drehte sich zu mir um und sprach mich an. Ewig nicht gesehen! Fast hätte ich dich nicht erkannt, sagte sie. Mittlerweile habe ich Haus, Garten, Hunde und fünf Kinder bekommen. Machst du als Kinderlose denn nun Karriere? Na hoffentlich, sonst wäre jetzt alles ganz umsonst, flötete sie. Berit kicherte. Ach jeh, du Arme, hast für mich die Kinder bekommen, dass du so sozial bist, hatte ich vergessen, tut mir leid, und deinen Mann möchte ich auch nicht, erschrak ich.
Weiter. Berit säuselte mir ins Ohr, was man alles so erfährt auf diesen Events, immer neue Sichten auf die Dinge und Zustände, interessant, interessant. Sie zeigte auf einen allein stehenden Herrn mit Haarfilzhut. Zu dem gehen wir jetzt und üben, der sieht aus, als sei er tauglich, sagte sie und zupfte den Herrn am Mantel. Guten Tag, sind Sie der Bruder von Udo Lindenberg? Nein, sagte der Mann und fragte geschmeichelt, ob er dem Udo ähnlich sehe. Nein, aber der Hut.
Weiter. Ach hallooo, wie hast du es denn schon wieder geschafft, in das Galerieprogramm von Köller zu kommen. Weiter. Lautes Geschrei. Drei-Menschen-Perfomance. Einer schlug auf ein Tamburin ein, zwei kreischten und hampelten herum. Wir hielten uns die Ohren zu, und einer der Kreischer hockte sich hin, machte in seine hohle Hand, stand wieder auf, verschmierte etwas in seinem Gesicht und brüllte weiter. Der Galerist rannte zu den Krawallmachern und versuchte, sie aus der Tür hinauszuschubsen. Die Krawallmacher kickten mit den Füßen gegen Sockel, auf denen Kunst platziert war. Der Galerist zog sich zurück. Die Krawallmacher brüllten noch ein wenig und verschwanden. Ich fragte eine Assistentin des Galeristen, ob das auch Künstler der Galerie seien, vielleicht post-postmoderner Fluxus oder so? Die Assistentin schüttelte ihren Kopf und klärte mich auf, dass sei Herr B. aus R., bekanntermaßen Kunststörer. Manchmal auch Zerstörer, wenn man ihn nicht in Ruhe stören ließe. Saß sogar schon im Knast deswegen, zischte sie, und gerade wollte ich sie noch weiter befragen, als ein lautes "Prostata" an mein Ohr schallte. Ein Typ in violettem Pulli über hellgrünem Hemd mit rosa Schlips verlangte die Preisliste der ausgestellten Arbeiten, hauptsächlich die von den gebastelten Blinkeherzen verschiedenster Ausführungen, manche waren mit Schriftzügen versehen.
Die lose sitzenden Euros der hier anwesenden Erben der Erbengemeinschaften und sogar die derer Kinder waren zum Greifen nahe - die Assistentin ließ sich gerne auf ein Gespräch ein. Sie haben mich unterbrochen, sagte ich zum Typ. Ach, Prostatachen, erwiderte der, mehr zur Assistentin als zu mir und beide ließen mich stehen.
Ich drehte mich wieder zu Berit um; wir blickten auf ein Ölgemälde. Was ich davon hielte, fragte Berit. Kein Kommentar, antwortete ich und dachte, die will schon wieder mit mir üben. Los, sag doch mal, piesackte Berit mich. Reine Energieverschwendung, da halte ich lieber meine Klappe, schimpfte ich. Geht mir auch so, sagte eine Stimme hinter uns. Die Stimme gehörte zu einem Mann, den ich nicht kannte. Sofort verschlug es mir die Sprache, konnte gerade noch wispern, ich müsse aufs Klo. Schönen Abend noch. Schnell weg. Du hast gekniffen, frotzelte Berit, als ich zurück kam, aber fürs Erste war das gar nicht schlechte, lobte sie noch.
Ich blickte mich um. Waren Vernissagen wirklich so anders als die Schützenfeste in meiner Heimat? Ach, guck mal, der hatte noch gefehlt, jetzt gehts endlich los. Guten Tag, Herr Eiermann.

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