Die Künstlerin Barbara Wrede, Berlin, veröffentlicht in ihrem Blog Szenen aus dem Alltag, Notizen zu Kunst und zu Ausstellungen und gibt einen Einblick in ihr Atelier und darin entstehende Arbeitsserien. Oder in andere Geschehnisse. Manchmal in Worten, manchmal als Skizze, Cartoon, Zeichnung oder Foto oder Vignette. Je nachdem. Um die Abbildungen genauer zu betrachten bzw. zu vergrößern, reicht ein Klick mit der Maus in die Bilder. Für den Inhalt externer links ist Barbara Wrede nicht verantwortlich. Alle Fotos (wenn nicht anders angegeben) ©Barbara Wrede und VG Bildkunst, Bonn.

Samstag, 30. Juli 2011

Neue Tapeten

Berliner Zeitung, Feuilleton: Unterm Strich vom 29.7.2011
Raufaser und Ratten

Straßenbahn ganz hinten am Horizont. Von meinem Platz sah es so aus, als würde sie durch die Kirschbaumzweige vor dem Haus schweben. Unter dem Baum saßen Krähen, die eine tote Ratte im Wasser der Vogeltränke einweichten. In wenigen Tagen würde sich das Fleisch von den Knochen gelöst haben. Um die Tränke herum Schnäbel, Federn, Rattenschwänze. Ich wickelte mich aus der Wolldecke, lehnte mich weit aus dem Fenster und pustete Insekten und Staub nach draußen. Raps unter dem Gewitterhimmel. Nordicwalker in Weinrot mit Bauchgurt auf dem Fußweg. Regen. Auf dem Flur redeten Guido und Tomas über die Alternativen zur Raufasertapete. Verputzen macht zuviel Arbeit. Wir sollten vertäfeln, empfahl Guido. "Da kann ich mich ja gleich aufhängen." Das war die Stimme von Tomas.

"Auch ein Bier?" Ich hatte ihn nicht kommen hören, er hielt mir eine PET-Flasche Bier über die Schulter. Ich erinnerte mich an die PET-Flasche, die ich nach seinem ersten Besuch trank. Als ich sie an meinen Mund setzte, hatte ich das Gefühl, ich könnte seine Lippen noch spüren, nicht, dass die nach Plastik schmeckten, seine Lippen, aber meine Lippen waren aufgeweicht, jede Berührung ein Stromschlag. Ich starrte aus dem Fenster. Zwei Krähen stolzierten im Gras herum, als ob ihnen das Grundstück gehöre. Karin war im Garten und entsorgte Kadaverteile aus der Tränke mit einer Schaufel.

"Willst du nichts trinken?" Ich schüttelte den Kopf, zog mir die Jacke an und ging. Unten in der Küche saß Besuch. Ein Mann hielt einen plattköpfigen Säugling in den Armen. Seine Frau hatte Zitronenkekse mitgebracht. Wir wollen nicht stören, uns aber endlich einmal vorstellen, sagte der Mann. Ich bin nur zu Besuch hier, sagte ich und dass Karin im Garten sei und die Vogeltränke samt Kadaverresten in die Tonne hauen würde. Krähen? Bei uns haben die auch einen Teil des Gartens beschlagnahmt, sagte die Frau.

Wir wohnen nebenan, sagte der Mann und warf seinen Kopf nach rechts. Das Kind schrie. Ein brüllender Flachbildschirm. Der Mann ließ seine Lippen vibrieren, Babysprache.

Ich ging zu Karin in den Garten. Besuch ist da, sagte ich. Andauernd kommen irgendwelche Leute unangemeldet vorbei, beschwerte sie sich und riss Unkraut aus dem Gemüsebeet. Warum habt ihr ihn reingelassen, fragte ich. Ich dachte, du freust dich, sagte sie und drückte mir einen Spaten in die Hand. Ich sprang darauf herum, bis der Schaft im Rasen verschwunden war. Du könntest die Disteln abschlagen. Es ist gut das zu tun, bevor sie blühen, sonst breiten die sich noch mehr aus, sagte Karin und ging ins Haus. Ich hackte die Stiele so dicht wie möglich am Boden ab, Saft spritzte heraus, schlug dann mit dem Spaten in ein Brennesselnest, trampelte die Pflanzen mit den Füssen nieder, holte eine Harke aus dem Schuppen und rechte die Pflanzenleichen zu einem Haufen zusammen. Buddelte dann Kornblumen vom Wegrand aus und grub sie an die Stelle des mit Erde gefüllten Betonrohres, auf der die Vogeltränke gestanden hatte, ein. Ein Rattenschwanz und Restknochen kamen dabei zum Vorschein.

Dann fiel eine angekaute Ratte vom Kirschbaum, direkt vor meine Füße. Eine Krähe flog hinterher, versuchte, den Kadaver am Schwanz wieder hochzuziehen, schaffte es nicht und erhob sich unverrichteter Dinge wieder in die Luft. Ich schmiss das Aas auf den Pflanzenhaufen, wischte mir die Hände an der Hose ab und ging wieder ins Haus. Die Tapeten hafteten nicht gut auf den feuchten Flurwänden. Tomas und Guido rauchten vor der Tür. Ich setzte mich auf die Stufen. Karin brachte Getränke und belegte Brote. Er ist wieder gefahren, sagte sie. Was er überhaupt hier gewollt habe, fragte ich sie.

Probieren, ob es noch so wie früher ist, das PET-Bier, schlug Karin grinsend vor. Tomas trank einen Schluck, zwinkerte mir zu und säuselte, dass ich doch ihn nehmen soll, er wäre schließlich auch eine gute Partie. Dann pulte er an einem losen Stück Raufaser im Flur herum. Wir hätten doch vertäfeln sollen, sagte Guido. Tomas blies Qualm in seine Flasche. Vielleicht kommt ein Geist heraus, kicherte er, pikte Löcher in den aus der Flasche aufsteigenden Rauch, riss eine lose Bahn Tapete von der Flurwand, dann die nächste. Wir müssen noch einmal von vorn beginnen, sagte Guido.

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