Die Künstlerin Barbara Wrede, Berlin, veröffentlicht in ihrem Blog Szenen aus dem Alltag, Notizen zu Kunst und zu Ausstellungen und gibt einen Einblick in ihr Atelier und darin entstehende Arbeitsserien. Oder in andere Geschehnisse. Manchmal in Worten, manchmal als Skizze, Cartoon, Zeichnung oder Foto oder Vignette. Je nachdem. Um die Abbildungen genauer zu betrachten bzw. zu vergrößern, reicht ein Klick mit der Maus in die Bilder. Für den Inhalt externer links ist Barbara Wrede nicht verantwortlich. Alle Fotos (wenn nicht anders angegeben) ©Barbara Wrede und VG Bildkunst, Bonn.

Mittwoch, 22. Dezember 2010

Eine Geschichte zur Weihnachtszeit

Diesen Text, in dem ein Heiliger vorkommt und von einer Begebenheit um Christi Geburt und anderen Dingen die Rede ist, schrieb ich vor einigen Tagen. Heute veröffentlichte ihn die Berliner Zeitung in ihrem Feuilleton Unterm Strich.

Verlaufen
Wo Mäuse und andere Tiere sterben

Schrotflintengeballer in der Ferne. Früher wurden die Termine der Treibjagden in der Zeitung bekannt gegeben. Niemand ging dann vor die Tür und Kinder sperrte man ein, damit nicht geschehe, was passieren könnte. Der Blutalkoholpegel der Teilnehmer solcher Veranstaltungen war gemeinhin hoch gewesen und manch einen, der gar kein Wild sondern Treiber war, erwischte Schrot - meistens hinten. Im Anschluss an die Jagd wurde das erlegte Wild in einer langen Reihe, sortiert nach Gattung und Größe, ausgebreitet. Die getroffenen Männer wurden im Krankenhaus verarztet. Ausgerechnet daran erinnerte ich mich, als ich mitten im Wald die Orientierung verlor.
Warum das geschah? Vielleicht, weil der Weg, den ich seit meiner Jugend kannte und der den Fiskus, so heißt der staatliche Wald hier, mit dem sogenannten Ochsenmoor verband, von einem breiten, frischangelegten Graben unterbrochen wurde. Die Ränder waren vereist, einen Sprung hinüber traute ich mir nicht zu. Nur meine Schuhabdrücke im Schnee, kein Mensch weit und breit. Oder saß da doch einer auf dem Hochsitz und richtete den Gewehrlauf auf mich oder den Hund?
Ich leinte den Hund an. Zwischen seinen Zehen klumpte der Schnee, er konnte kaum noch laufen, versuchte sich leckend davon zu befreien, doch sein Speichel gefror sofort und verschlimmerte das Problem. Ich pulte seine Pfoten halbwegs frei, folgte unseren Spuren zurück, bis ich sie im Schneegestöber verlor und verließ mich dann auf meinen Gefährten.
Humpelnd aber energisch zog er mich hinaus aus dem Wald und zurück zu meiner Unterkunft. Hier in einem Haus unweit meiner Geburtsstätte war ich zu Gast. Die Wirtin K. schickte den Hund auf den Flur und ich ging nach oben auf die Galerie. Dort hatte sie mir Tisch und Stuhl freigeräumt. Überall um mich herum türmten sich Bücher. Manche standen in zwei Reihen hintereinander im wandfüllenden Regal, andere waren auf einem rollbaren Tritt gestapelt, weitere lagen an dem verglasten Geländer der Galerie, man sah ihre Rücken, wenn man vom Wohnraum hier hinauf blickte. Ich wählte einen Wälzer aus einem der unteren Regale: "Die goldene Palette", erschienen 1968. 1000 Jahre Malerei sind darin abgehandelt, und ich begann die Gemälde zu suchen, die mich in meiner frühen Kindheit fasziniert hatten. Einige ziehen mich noch heute in ihren Bann.
Laute Polter- und Klopfgeräusche lenkten mich ab. Sie kamen von unten aus der Küche. Schon tags zuvor war dort eine Maus in die Falle, die unter der Spüle aufgestellt war, gegangen. Die Hausherrin K. hatte erfahren, dass man die Maus von heute statt mit Speck mit Nutella fangen würde und die Falle damit eingeschmiert.
Der Bügel klemmte zwar fest zwischen Kopf und Rumpf, aber die Maus war nicht tot gewesen. Das Tier war panisch hin-und hergelaufen und dabei mit der Falle gegen die Wände des Unterschrankes gestoßen. Frau K. hatte dem Zwangsensemble mit einem Besen den erlösenden Schlag versetzt. Danach kochte sie sich einen Cappuccino. Ob Frau K. das hinterher immer tat?
Jetzt war Stille. Erschlug sie wirklich nur Mäuse? Ich konnte sie mit einer Tasse vor sich sitzen sehen, als ich durch einen der Bücherstapel von meinem Platz auf der Empore nach unten auf den Tisch spähte. Bloß nicht weiterdenken.
Ich blätterte zum Buxtehuder Altarbild von Meister Bertram aus dem 14. Jahrhundert. Herodes' Edikt war darauf dargestellt. Ich strich mit den Fingern über die Figuren. Ein Schrei des Hausherrn unterbrach diesen Augenblick der Melancholie und die Erinnerung an meine Kindheit. Er schrie, der Fernseher sei bildlos, kein Sendesignal - voll das vorprogrammierte Drama - und befahl, die Satellitenschüssel namens Orbit von Schnee und Eis zu befreien.
Frau K. rannte zum Schuppen. Ich stürzte die Treppe hinunter, grapschte nach einer Decke, rot war sie, wegen der Kälte und lief auch raus. Frau K. stellte eine Leiter ans Dach und holte einen Apfelpflücker mit Teleskopstiel. Ich lehnte mich zum Sichern an den Holm, während Frau K. nach oben kletterte, um am Orbit herumzuschaben. Dann rutschte ich aus, lag da wie Jakob an der Himmelsleiter in Michael Willmanns Gemälde und erst Herr K.s Gebrüll riss mich aus meinen Gedanken: So bleiben, Bild perfekt.

Kommentare:

Roesnerei hat gesagt…

Schau doch mal unter http://roesnerei.blogspot.com/2011/01/award.html - da wartet eine kleine Überraschung auf dich! Herzliche Grüße aus der Roesnerei

olompia • Barbara Wrede hat gesagt…

Liebe Roesnerei, ach, das ist ja Überraschung und Ehre zum Jahresanfang zugleich! 1000 Dank, guten Start in 2011 und natürlich: viele Grüße!

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