Die Künstlerin Barbara Wrede, Berlin, veröffentlicht in ihrem Blog Szenen aus dem Alltag, Notizen zu Kunst und zu Ausstellungen und gibt einen Einblick in ihr Atelier und darin entstehende Arbeitsserien. Oder in andere Geschehnisse. Manchmal in Worten, manchmal als Skizze, Cartoon, Zeichnung oder Foto oder Vignette. Je nachdem. Um die Abbildungen genauer zu betrachten bzw. zu vergrößern, reicht ein Klick mit der Maus in die Bilder. Für den Inhalt externer links ist Barbara Wrede nicht verantwortlich. Alle Fotos (wenn nicht anders angegeben) ©Barbara Wrede und VG Bildkunst, Bonn.

Samstag, 28. August 2010

Fundstück (1)



Heute morgen fand ich eine Vogelbadewanne in der Gosse. Man hängt sie in das Gitter über der Ausflugstür eines Vogelkäfigs ein. Das eigentliche Wasserbehältnis war leuchtend rot abgesetzt und ich dachte an mein allererstes Haustier. Er hatte warmgelbes Gefieder, mit einem Tupfer saftgrün am Bauch und eine kobaldblaue Wachshaut, so heißen 
beim männlichen Vogel die Stellen, die wie Bäckchen neben dem Schnabel sind. Er war ein durch unsere Familie gestählter Zeitgenosse, überlebte im Sturm genommene Fliegenfangbänder und das vorsichtige Abpulen hinterher, Stürze in mit Bier gefüllte Zinnbecher und aus Versehen mit der Schranktür eingeklemmte Krallen. Er flog frei in der Wohnung herum und ging nur zum Fressen in seinen Käfig. Er mochte Gesellschaft und lief gerne auf dem Teppich herum, um an den Socken der fernsehguckenden Famile zu knabbern. Und Erbsen, die mochte er auch. Mit schräggelegtem Kopf bettelte er beim Mittagessen an Tellerrändern, bis ihm eine vor die Krallen gelegt wurde. Die aß er dann in der Mitte der Tafel. Einmal kam er wie ein Miniaturstier quer über den Tisch auf mich und meinen Teller zugerannt. Alle lachten, als ich vor Angst unter dem Tisch verschwand. Er unterschied nicht zwischen Klassikern, Krimis und Sachbüchern. Plattenhüllen knabberte er genau so an. Ziehe ich heute das James Last Doppelalbum meiner Eltern hervor, fällt mir der Vogel ein. Nichts konnte Butschi erschüttern, bis er dann eines Tages krank wurde. Meine Mutter probierte alle möglichen Heilmethoden aus, von Hustensaft über kleine Wickel bis hin zu Wärmepackungen unter Cashmere Pullovern. Half nichts. Tot. Als ich mich klein machte, um von halb-unten einen letzten Blick auf ihn zu werfen, sahen seine Beinchen wie knorrig-kahle Bäume im Zwergenwald aus.

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