Die Künstlerin Barbara Wrede, Berlin, veröffentlicht in ihrem Blog Szenen aus dem Alltag, Notizen zu Kunst und zu Ausstellungen und gibt einen Einblick in ihr Atelier und darin entstehende Arbeitsserien. Oder in andere Geschehnisse. Manchmal in Worten, manchmal als Skizze, Cartoon, Zeichnung oder Foto oder Vignette. Je nachdem. Um die Abbildungen genauer zu betrachten bzw. zu vergrößern, reicht ein Klick mit der Maus in die Bilder. Für den Inhalt externer links ist Barbara Wrede nicht verantwortlich. Alle Fotos (wenn nicht anders angegeben) ©Barbara Wrede und VG Bildkunst, Bonn.

Sonntag, 28. Januar 2018

Frühlingserwachen

Der Radweg nach Kreuzberg zum Spreewaldplatz war immer noch gesperrt. Über Null, es nieselte. Grüne Welle, Wiener Straße überquert. Beim letzten Sturm hatte es einen großen Baum auf dem Platz neben dem Bad entwurzelt. War es eine Eiche gewesen? Oder doch eine Buche? Mittlerweile waren die Reste entsorgt. Vor Jahren hatte B., als ihr Sohn noch im Säuglingsalter war, ihn hier zwischen den Bäumen gewickelt, es könnte zur gleichen Jahreszeit gewesen sein, unwirtlich, grau der Platz und feucht die Erde, und ich fand B. unglaublich praktisch, als sie ihrem Kind dort die Windeln wechselte.

Fast genau an der gleichen Stelle, an der B. Ihren Sohn damals auffrischte,
lag heute ein Typ. Allerdings ohne eine vor Kälte schützende Unterlage,
wie der Sohn von B. damals. Der heute lag direkt auf der Erde.
Zuerst fuhr ich mit dem Rad an ihm vorbei, hatte keine Zeit, neue Kinderkurse begannen, musste noch einiges vorbereiten. Dann drehte ich doch um, kurvte zurück zu dem Typen und kuckte, was mit ihm war. Pennte der? Krank? Gefallen? Herzattacke? Suff, Rausch, sonstewas?
Ich beugte mich zu ihm hinunter. Er hatte die Augen geschlossen, ziemlich jung noch, nicht groß, mopsig, nicht schmuddelig, vielleicht etwas verpekt, lag ja schließlich im Dreck.
»Hallo, Sie können hier nicht auf dem kalten Boden liegen!«
Keine Reaktion. Ich wiederholte mich.
Von der Baustelle weiter vorn kam ein Arbeiter: »Der liegt schon länger hier. Haben Sie ein Telefon dabei?«
Ich schüttelte den Kopf, obwohl ich natürlich natürlich eines dabei hatte.
»Hallo, hier können Sie nicht liegen«, schrie ich.
Der Bauarbeiter ging wieder an die Arbeit.
Ich schrie einige Male HALLO, HALLO, HALLO und beugte mich noch tiefer zu ihm hinunter. Seine Augenlider zuckten. Ob er mein Geschrei gerade in seinen Traum einbaute? Die Lider zuckten immer noch. Vom Rumgeschrei war mir schon ganz schlecht.

Ob ich mal an seiner Schulter rütteln sollte? Und wenn er sich so erschreckt, dass er mir instinktiv ein paar langt? Lieber schrie ich noch eine Weile. Ich merkte, wie ich rot wurde, warm war mir auch und langsam ging mir die Puste aus.
Die Bauarbeiter hatten inzwischen aufgehört zu arbeiten und beobachten, was passieren würde. Erst einmal nichts. Wenn ich nicht bald weiterfuhr, würden die ersten Stunden meiner neuen Kurse im Chaos enden. Kein guter Start. Sollte ich einfach fahren?
Ich stupste ihn an seine Schulter. Keine Reaktion. Ich rüttelte an seiner Schulter. Keine Reaktion. Leben tat er, ohne Zweifel, seine Lider zuckten ja. Aber warum bewegte der sonst nichts? Hörte der mich? Vielleicht war er taub? Taub und gefallen, schlimme innere Verletzungen? Merkte nur von Ferne, dass man mit ihm sprach, etwas von ihm wollte?
Drei halbstarke Jungen kamen neugierig herangezockelt. Ob der besoffen sei, wollten sie wissen.
»Keine Ahnung, der kann hier doch nicht liegen bleiben«, sagte ich eher zu mir selbst und fragte dann, ob sie ein Handy dabei hätten, um einen Krankenwagen zu rufen, da hatte der eine schon eines gezückt. Einen Moment warten, bitte.
Ich schrie noch ein paar Mal sehr laut HALLO. Die drei Jungs und die Bauarbeiter kuckten.
Plötzlich sprang der Liegende wie Jack in the box nach dem Deckelöffnen in die Höhe, sagte klar und deutlich und nicht leise: »Nirgendwo kann man schlafen«, schlurfte fünf Meter weiter und legte sich dort auf die Erde.
Die Jungen kicherten. Ich fuhr – da schlief der Hallo-Mann schon wieder. Die Bauarbeiter winkten mit Schaufeln.

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