Die Künstlerin Barbara Wrede, Berlin, veröffentlicht in ihrem Blog Szenen aus dem Alltag, Notizen zu Kunst und zu Ausstellungen und gibt einen Einblick in ihr Atelier und darin entstehende Arbeitsserien. Oder in andere Geschehnisse. Manchmal in Worten, manchmal als Skizze, Cartoon, Zeichnung oder Foto oder Vignette. Je nachdem. Um die Abbildungen genauer zu betrachten bzw. zu vergrößern, reicht ein Klick mit der Maus in die Bilder. Für den Inhalt externer links ist Barbara Wrede nicht verantwortlich. Alle Fotos (wenn nicht anders angegeben) ©Barbara Wrede und VG Bildkunst, Bonn.

Freitag, 6. Dezember 2013

Trampelpfad

Dieses Gequatsche über »Glück«, das momentan alles zu beherrschen scheint und wie man es erreichen könnte, glücklich zu sein, geht mir auf die Nerven, vielleicht ist das auch der Grund, warum ich seit Wochen, Monaten immer wieder kränkele (fiese Erkältungen, Kotzerei, usw. und wieder von vorne), kann aber auch sein, dass ich mich in meinen diversen Nebenjobs mit Kindern ständig etwas anfliegt. Kann sein, muss nicht.

Vor ein paar Tagen begegnete mir ein älteres Paar mit Hund an langer Schnappleine, das war am Prinzenbad, den kleinen Hügel runter und ich per Rad unterwegs ins Atelier.
Ich rief: ACHTUNG.
Die Leine wurde eingezogen.
Der Mann sagte: Na, da müssen Sie doch aufpassen.
Ich schrie: Ich hab doch aufgepasst, Sie dumme Nuss, hätte ich nicht gerufen, wäre ihre Dreckstöle jetzt Matsch, passen sie doch selber auf! und zeigte im Vorbeifahren den Stinkefinger. Dann habe ich auch noch andere Sachen geschrien, die ich hier an dieser Stelle mit dem Alias Spontanverdrängungsausdrücke benennen möchte.
Die Scham über mein eigentümliches Verhalten verwandelte sich auf meiner weiteren Strecke erst in Verwunderung und wurde dann zu einem lauten Lachen, für das ich befremdliche Blicke von anderen Verkehrsteilnehmern erntete. Nach diesem Weg war ich ganz glücklich.

Gestern bemerkte ich, dass mein kleines Olympus-Aufnahmegerät weg ist. Ich benutze es gerne unterwegs, wenn ich zu faul bin, mir handschriftliche Notizen zu machen. In Zeiten, in denen jeder irgendwo reinspricht, fällt es mittlerweile nicht mehr auf, dass es sich um ein Selbstgespräch handelt. Nun war mein treuer Begleiter, den ich immer in der Manteltasche hatte, futsch.

Sofort glaubte ich: das hat mir bestimmt so ein Idiot beim Sport aus der Umkleidekabine gemopst.
Wenn der die Notizen hört..., hoffentlich sage ich meinen Namen nicht in einer der Aufzeichnungen, manchmal übe ich mit dem Gerät auch für Lesungen, nee, ich will nicht, dass das jemand hört.

Erst letzte Woche ist jemandem aus der Turnhalle ALLES (Klamotten, Geld, Papiere...) geklaut worden. Was für Arschlöcher, die so etwas machen, so ein Diebstahl ist ja noch viel viel fieser als die Bekrickelung meines Atelierschildes. Was das wieder kostet.

Dass jemand in meine Stammelnotizen hinein hören kann, ist mir sehr unangenehm, und ach, das Türschild, na da war ich ja auch gleich bedient, als ich sah, dass da einer mit rot drauf rumgemalt hatte, was für eine Sau, bestimmt Edding, Scheiße, Scheiße. Scheiße.
Das Schild ist aus Folie, die auf einen Träger montiert ist und die kann ich nicht mit Lösungsmittel reinigen, geht noch mehr kaputt, so ein Nerv.

Hätte ich gleich den Spucke-Test gemacht und wäre nicht wutentbrannt nach Hause gefahren (und krank geworden), hätte ich gesehen, dass das Gekrickel mit Wasser zu entfernen war. Das tat ich gestern. Jetzt ist alles wieder wie es sein soll. War ganz einfach. Glück gehabt.

Zurück zum Aufnahmegerät. Ich kontrollierte alle Umhänge- und sonstso-Taschen und drehte auch die mit dem Sportzeugs mehrmals um. Nix. Mist. Heute morgen lief ich Orte ab, an denen ich in den letzten Tagen gewesen bin und an denen ich meine Jacke ausgezogen hatte. Nix.
Ob ich eine Anzeige aufgeben sollte? Für ein Aufnahmegerät, das 12 Jahre alt ist? Mit ein paar blöden Sätzen drauf, die mir peinlich sind?
Wie das kommunizieren: Gerät her, aber wehe, es hört einer in die Aufnahmen rein und wenn doch, dann komme ich mit einer Kalaschnikow und ballere die Tür ein und noch woanders hin?
Um nicht so rumzuballern gehe ich schließlich zum Sport. Es ist großes Glück, wenn Mensch (ich) zur Maschine wird und der Ball automatisch hin-und her fliegt, kein Denken nur Machen und das Geräusch des springenden Balls, usw., toll...
Soll ich meine Tischtennistrainer anrufen und ihnen von dem Diebstahl erzählen? Die machen sich doch schon genug Sorgen, weil Unbefugte sich so oft einen Weg in die Halle bahnen und dort klauen. Und sagen ja auch, dass man nichts in den Umkleidekabinen lassen soll. Hatte ich vor dem Sport bis auf meinen Haustürschlüssel nicht alles aus der Jacke herausgenommen? Und auf meine Arbeitsplatte gelegt. Nee, hier war nichts.

Mir fiel ein, dass ich letzten Freitag nach der Eröffnung in der R31 ja noch mit P., die meine Zeichnungen von Hunden

(ach ja, zum Glück kommt »Wartende Hunde. Ein Buch über die Treue« am 16.12.13 überall in den Handel! Es erscheint im Fred & Otto Verlag mit 199 farbigen, ganzseitigen Fotos,
mit einem Interview statt Vorwort und mit Texten von Katharina Rutschky.
Verlag Fred&Otto, Berlin 2013
Hardcover, 22,90 €, 300 Seiten
ISBN: 978-3-9815321-8),

also mit P. traf, die meine Porträts von »Hunde vor dem Ruhm« auf Keramik für Hunde und deren Besitzer bringt. Wir trafen uns in einer Kneipe. Das war der letzte Ort, der mir noch einfiel und an dem das Aufnahmegerät mir vielleicht auch aus der Tasche gefallen sein könnte. Ich sprach mit der Kellnerin. Sie durchwühlte unzählige Schubladen hinter der Theke, in denen Gefundenes verstaut worden sein könnte. Kein Aufnahmegerät.
Ich könnte ihr mein Kärtchen da lassen, sagte ich. Sie nickte und suchte noch ein wenig.

Meine Augen werden immer schlechter, so ein Mist, nicht mal mehr bis zum Grund meiner Umhängetasche kann ich gucken, dachte ich, als ich in meiner Umhängetasche nach dem Kästchen mit den Visitenkarten suchte.

Finde ich gerade nicht, sagte ich und kruschelte weiter.
Das Aufnahmegerät ist schwarz und ungefähr so groß wie ein Handy, so beschrieb ich es der Kellnerin, und jeder wühlte noch ein bisschen.

Auf einmal hatte ich mein Aufnahmegerät in der Hand (Schwein gehabt, es ist übrigens grau und viel kleiner als ein Handy aber nicht so flach).
Ich stopfte es schnell wieder nach unten in die Tasche und verabschiedete mich mit den Worten:
Ich habe gerade kein Kärtchen mit, ich komme einfach noch einmal vorbei.
Das Kästchen mit den Visitenkarten war übrigens auch in der Tasche.

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