Die Künstlerin Barbara Wrede, Berlin, veröffentlicht in ihrem Blog Szenen aus dem Alltag, Notizen zu Kunst und zu Ausstellungen und gibt einen Einblick in ihr Atelier und darin entstehende Arbeitsserien. Oder in andere Geschehnisse. Manchmal in Worten, manchmal als Skizze, Cartoon, Zeichnung oder Foto oder Vignette. Je nachdem. Um die Abbildungen genauer zu betrachten bzw. zu vergrößern, reicht ein Klick mit der Maus in die Bilder. Für den Inhalt externer links ist Barbara Wrede nicht verantwortlich. Alle Fotos (wenn nicht anders angegeben) ©Barbara Wrede und VG Bildkunst, Bonn.

Sonntag, 16. September 2012

Achtung: Shitidences

Dass Berlin Künstler aus aller Herren Länder anzieht, ist kein Geheimnis.
In zahlreichen Ausschreibungen wird deswegen mit residence-Angeboten (altdeutsch oder anaolg: Stipendium mit Residenzpflicht/Anwesenheitspflicht) geworben, die sich die Pflege und Förderung von Kunst und deren Produzenten, die Vernetzung und die Platzierung auf dem (zumindest) berlinischen Kunstmarkt auf die Fahnen schreiben und versprechen.

Ein Stipendium soll panikfreies Arbeiten und Wohnen ermöglichen, heißt: mal ohne Geldsorgen leben. Denkt man. Fein, dass es solche Kunstförderung gibt. Hofft man. Pustekuchen.

In residences, die in Wahrheit shitidences und deswegen Künstlerfallen sind, geraten zumeist Künstler aus dem nichteuropäischen Ausland.
Zunächst scheint ja auch alles mit rechten Dingen zu zugehen, denn vor der Einladung/Auswahl steht die Bewerbung/Vorstellung der Arbeit.

Für die shitidence kommen die ausgwählten Künstler dann ca. drei Monate nach Berlin.
Hier erhalten sie ein winziges Zimmer mit einer Drecksmatratze in schmalem Metallbett, teilen sich zu zweit (mindestens) einen dunklen Parterreraum (workingspace...) und zu dritt (auch mindestens) eine Miniküche und sanitäre Anlagen. Künstler sind pflegeleicht und Kummer gewohnt, die hier auch noch jung, also: hört sich alles erstmal gut an. Geht schon irgendwie.

Zu einem richtigen Stipendium mit all den oben genannten Versprechungen fehlt nur noch die finanzielle Unterstützung, vielleicht aber auch nur umsonst Wohnen mit Verpflegung. Letzteres ist auch nicht toll. Aber naja.

Gästen der shitidences passiert leider etwas anderes und leider wissen sie das auch schon bei Erhalt der shitidence, denn, so glauben sie, so sei es in Deutschland/Berlin üblich:
Ihnen wird eine Rechnung von mehr als 700 Euro pro Monat präsentiert. Extras wie z.B. „rooming“ (das nicht stattfindet) kommen noch hinzu. Gezahlt wird in Vorkasse für die komplette Zeit(!), wer vor Ende des Stipendiums die Abzocke erkennt oder sonstige Gründe hat, aus dieser shitidence auszusteigen und kündigen will, bekommt zu hören, das zu tun sei nicht schlau, denn dann würde die bereits bezahlte Summe ja verloren sein.

Zu kurz ist die Zeit für die Suche nach Rechtsbeistand, zu groß die Unsicherheit und manch einer wird auch denken, ok, nun bin ich in einer coolen Stadt, versuch das Beste draus zu machen, zieh ich jetzt durch.

Vor einigen Tagen war ich in Begleitung auf einer Veranstaltung einer solchen shitidence-Institution, wir waren zufällig am Ort des Geschehens gelandet. Außer uns waren keine Gäste da. Soviel noch zum Thema Öffentlichkeitsarbeit. Superkonzept. Jedenfalls für die Veranstalter. Was für üble Abzockerärsche! Die Stipendiaten finanzieren die komplette shitidence – mit Überschuss.  Pfui. Gruselig, womöglich wird so etwas zusätzlich auch noch mit öffentlichen Geldern oder Sponsoring unterstützt.
Kleine Rechnung am Rande: 10 Stipendiaten sind pro Monat anwesend. Jeder zahlt ca 750 Euro im Monat...
Und was, wenn sich das noch weiter ausbreitet? Was tun?
Antworten und eigene schlechte Erfahrungen bitte gerne hier kommentieren oder an b.wrede@olompia.de

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